Hartmut Münch

Paul Schäfers Jagdwagen

(c)Bernd Schaffrik



DINA-Chef Manuel Contreras erschießt Hartmut Münch (8)

„Bei einer Jagdpartie erschoss Manuel Contreras 1985* aus Versehen den achtjährigen Hartmut Münch, Colonia-Gründer Paul Schäfer vertuschte die Tat.“ taz 02.07.2008

Bernd Schaffrik war Zeuge dieser fahrlässigen Tötung. Hier seine Schilderung:

„Wieder einmal war Manuel Contreras Sepulveda, der Chef der Geheimpolizei DINA, mit zwei Leibwächtern zu geheimen Besprechungen mit Paul Schäfer in der Colonia Dignidad. Diese Besuche waren immer mit Jagdvergnügen verbunden, denn das riesige Hinterland und Vorland der CD schienen wie geschaffen dafür. Hasen, Füchse, Kaninchen in großer Zahl, zur Herbstzeit auch Rebhühner. Und dieser 25. Mai 1988** war ein typischer Herbsttag in Chile.

Wie an jedem Wochenende waren viele Bewohner der CD mit zwei Bussen nach Bulnes gefahren, etwa 150 km nach Süden, um im „Casino Familiar“, dem großen Restaurant der CD, zu kellnern. Schäfer blieb in der CD wegen Contreras Besuch. Die „Keile“ (Jungengruppe) standen Schäfer für seine Jagdinszenierungen und sonstige Aufträge zur Verfügung.

An diesem Sonntag war ich als großer Adju (Läufer) für Schäfer eingeteilt, zusammen mit einem kleinen Helfer aus der Gruppe der Keile.

Nach dem Mittagessen wollte Schäfer mit Contreras auf den abgeernteten Ackerflächen in „Las Campanillas“, einem Vorort der CD, Rebhühner schießen.

Dafür wurden nun die Keile gerufen, um die Treibjagd zu beginnen. Der „Jawo“ (Bild links), ein offener Jagdwagen, auf dem Contreras schon viele Male beim Jagen neben Schäfer gestanden hatte, wurde zum Freihaus (Gästehaus) gebracht, dann ging es sofort los.

In Las Campanillas wurden die Äcker in langen Reihen von den Keilen nach Rebhühnern abgekämmt. Viele Rebhühner flogen auf, so dass Schäfer und Contreras ihre Treffsicherheit unter Beweis stellen konnten.

Zur Kaffeezeit fehlte noch ein großer Acker, dann wollte man heimfahren.

Schäfer ging zusammen mit den Keilen auf Treibjagd über den letzten Acker, während Contreras vorne auf dem Jawo stand, weil er schon zu müde war. Hinten auf dem Jawo saßen die kleinen Jungen, die „Edelweiße“.

Als Schäfer und die Treiber 150 bis 200 Meter entfernt waren, flog plötzlich ein Rebhuhn auf. Schäfer konnte es nicht erlegen, und es flog direkt auf den Jagdwagen mit Contreras und den kleinen Edelweißen zu. Contreras stand vorne im Schießstand neben dem Fahrersitz, während das Rebhuhn hinter dem Wagen entlang flog. Jetzt zu schießen war heikel, denn Contreras musste rückwärts, über die kleinen Jungen hinwegschießen, um das Rebhuhn zu treffen. Alles ging in Sekundenschnelle. Contreras zielte, in dem Moment sprang der kleine Hartmut auf, um das vorbeifliegende Rebhuhn besser sehen zu können. Da fiel der Schrotschuss.

Ich war nicht in der Reihe der Treiber mitgegangen und stand nur 20 bis 30 Meter vom Jawo entfernt, als Contreras mich heranrief. Die kleinen Jungen - sieben oder acht Jahre - sprangen verstört vom Wagen herab und liefen davon. Es war ein schrecklicher Anblick! – Der Junge lebte noch, starb aber nach kurzer Zeit.
Contreras war erschüttert und wollte sofort den Transport in eine Unfallklinik organisieren. Doch als Schäfer am Wagen ankam, war es schon zu spät.
Noch am selben Abend verließ Contreras die CD.

Dies war das letzte Mal, dass er bei Schäfer in der Kolonie war. Seither kam Contreras nur noch in das „Casino Familiar“, wo er sich mit Schäfer, Hopp und anderen traf.

Am selben Abend, als die Busse mit der Kellnermannschaft aus Bulnes zurück waren, rief Paul Schäfer die Gemeinde zusammen und sagte, Michael H., der Fahrer des Jagdfahrzeuges, habe mit dem Wagen beim Anfahren so stark angeruckt, dass der kleine Hartmut heruntergefallen und durch den Sturz gestorben sei.

Vorher hatte Schäfer die direkten Augenzeugen Michael H. und Bernd Sch. mit einem Aufpasserauftrag außerhalb des Versammlungssaal beauftragt, so dass sie Schäfers Lüge nicht hören und auch nicht richtigstellen konnten.

Diese Lüge blieb viele Jahre bestehen und mit ihr der schlechte Eindruck, den die Bewohner der CD nun von Michael H. hatten. Da die Bewohner der CD über all diese Dinge nicht miteinander sprechen durften, blieb der schlechte Eindruck. Und die Lüge auch. Auch die Eltern wurden belogen und erfuhren die Wahrheit erst 15 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes.“

Bernd Schaffrik

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* Hier irrt die taz: es war 1988
** Datum nach Klaus Schnellenkamp: Geboren im Schatten der Angst. (2007)

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